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Ein iPad allein bewirkt noch keinen Lernerfolg!

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Unterricht 2.0 – Was bewirken digitale Geräte im Klassenzimmer?

Längst haben Laptops und Tablets Einzug ins Klassenzimmer gehalten und sind somit zum ständigen und auch selbstverständlichen Teil des Alltags geworden. Doch bietet die „Digitalisierung des Klassenzimmers“ für die betroffenen Schüler und Lehrer einen wirklichen Mehrwert? Picolo beleuchtet dieses mit viel Begeisterung geführte Thema pünktlich zum Schulbeginn.

Skandinavien ist digitaler Vorreiter

Im Gegensatz zu den skandinavischen Ländern haben Luxemburg, Deutschland und Belgien noch nicht flächendeckend so genannte „iPad-Klassen“ eingerichtet. Eigentlich merkwürdig, denn sonst schielen die Bildungspolitiker doch gerne zu den im internationalen PISA-Ranking erstklassig positionierten Nordländern wie Finnland, Schweden und Norwegen hinüber. So haben erste Ansätze bei uns eigentlich nur „Modellcharakter“ und sollen helfen, etwaige Vor- und Nachteile für die Zukunft auszuloten. Doch was geschieht eigentlich in einer „iPad-Klasse“? Die Lehrer erklären nicht mehr an der Tafel, sondern an digitalen Whiteboards, die mit Computer und Beamer verbunden sind. Die Schüler schreiben nicht in ihre Hefte, sondern an ihrem Notebook oder Tablet. Anstatt geometrische Figuren an die Tafel zu zeichnen, werden diese im Computer animiert und auf das Whiteboard projiziert. Für Referate und Klausuren wird im Internet recherchiert und im Fremdsprachen-Unterricht gibt es Podcasts auf Englisch und Französisch.

Viele Einsatzmöglichkeiten

Fragte der Lehrer vor 20 Jahren noch, ob alle das Tafelbild abgeschrieben haben, so wird es heute kurzerhand digital von den Schülern in ihrer eigenen Schulcloud abgespeichert. Auch Filmsequenzen werden erstellt und über die Tafel allen zugänglich gemacht. Und tatsächlich, es funktioniert und scheint die Schüler aller Altersklassen und Bildungsorientierungen zu motivieren, wie ein Besuch im Hermann-Joseph-Kolleg in Steinfeld nahe der deutsch-belgischen Grenze bei Losheim zeigt. Seit nunmehr drei Jahren hat dort jeder Schüler sein eigenes iPad. Der komplette Unterricht ist auf dieses iPad ausgerichtet. Lehrbücher bestehen in Form von eBooks, Hausarbeiten werden digital erfasst und verwaltet und das Tagebuch wird ebenfalls „online“ geführt. Selbst in der Schulverwaltung kommt die Digitalisierung zum Einsatz. So wird das Klassenbuch mit den entsprechenden Abwesenheiten und außerschulischen Aktivitäten ebenfalls digital geführt. „Wir sind mit unserer Arbeit sehr zufrieden, wenngleich es anfänglich wie zu
erwartende Startschwierigkeiten und Berührungsängste gab“, erklärte Stufenkoordinator-Oberstufe Thomas Frauenkron.

Positive Erfahrungen

Doch die Experten sind in ihrer Einschätzung zweigeteilt und Gegner versprühen ein Gefühl der Skepsis. Hardliner sprechen hierbei sogar von der „Digitalen Demenz“ und von „Verdummung durch Computerspiel-Pädagogik“. Dabei bietet die neue Technik viele neue Möglichkeiten des Lehrens und Lernens. Sie kann den Unterricht anschaulicher und verständlicher machen und damit den Schülern das Lernen erleichtern. Eine empirische Studie hat gezeigt, dass die Noten der Schüler durch Unterricht mit Whiteboards tatsächlich besser werden. Die Nachteile von Klassenzimmern mit Internetzugang liegen allerdings ebenfalls auf der Hand. Es bestehe die Gefahr, dass der Medienkonsum der Schüler steige: vom Whiteboard im Klassenzimmer zum Smartphone in der Pause, zum Fernseher und Laptop zu Hause. Thomas Frauenkron widerspricht dieser These: „Wir mussten feststellen, dass die Schüler zu Hause einfach keine Lust mehr haben, den eigenen PC anzuschalten. Der Konsum in der Schule genügte ihnen“. Allerdings lassen sich die Schüler leichter ablenken, denn ein nicht kontrollierter Zugang zu Facebook und Youtube liegt nur einen Mausklick entfernt. Die Vorteile von Laptops und Tablets im Klassenzimmer sind jedoch ebenso wenig von der Hand zu weisen: Schulhefte wandern nicht mehr am Ende des Jahres in den Müll. Informationen werden über Jahre gespeichert und können leicht über eine Suchfunktion gefunden und abgerufen werden. Eine Entwicklungskontinuität kann somit während einiger Jahre dokumentiert und festgehalten werden. Die Aufgabenstellungen werden komplexer, die Lernmotivation steigt. Schüler nehmen aktiver am Unterricht teil. Für Lehrer bieten Laptops die Möglichkeit, einfacher vom klassischen Frontalunterricht wegzukommen. Die Schüler arbeiten selbstorganisiert allein oder in kleinen Gruppen. Die Computer werden zielgerichtet als Werkzeug genutzt und fördern so für sie wichtige soziale Kompetenzen und Selbstständigkeit.

Ein „iPad“ für jeden Schüler

Allerdings hängt der Erfolg von vielen verschiedenen Faktoren ab. Angefangen sicherlich von der technischen Zuverlässigkeit. Die Ausrüstung ist oftmals mangelhaft oder völlig überlebt. Und das hat auch oft mit den fehlenden finanziellen Mitteln zu tun. Die meisten Schulen haben einfach nicht die Möglichkeit, im IT-Bereich stets auf dem neuesten Stand zu sein. Das Zauberwort lautet hierbei „Leasing“ oder „Miete“, das unter anderem vom Computerriesen Apple angeboten wird. Jeder Schüler erhält hierbei für ca. 12 EUR monatlich ein eigenes, leistungsstarkes iPad, das auch in der Freizeit außerhalb der Schule genutzt werden kann. Die Schulen ihrerseits werden zu iPad-Schulen umgewandelt, wobei der technische Support von Apple selbst gewährleistet wird. Nach drei Jahren werden die Geräte einfach ersetzt. Defekte Geräte werden sofort anstandslos ausgetauscht. So wird ein Unterrichtsausfall ausgeschlossen, während alle Geräte aufeinander abgestimmt sind und somit vom Lehrer und vom Schüler sofort ohne Verzögerung benutzt oder gesteuert werden können. Der Lehrer hat die Möglichkeit, mit einem Klick die iPads zu sperren oder den Zugang für eine spezielle App zu öffnen. Auch sieht der Lehrer auf seinem Control-Panel was die einzelnen Schüler, gerade tun. Allerdings bringen die Geräte alleine nichts, wenn die Lehrer nicht entsprechend ausgebildet sind und die Vorteile für ihren jeweiligen Unterricht entdecken.

Digital-geschulte Lehrpersonen

Digitale Whiteboards werden noch zu oft wie ganz normale Tafeln zum Draufschreiben benutzt statt zur interaktiven Arbeit. Neue Technologien bewirken neues Lernen, allerdings nicht, wenn die verwendete Technologie der einzige Unterschied ist. Whiteboard statt Tafel, Tablet-PC statt Buch. Beides führt nicht zwangsläufig zu größeren Lernerfolgen. Ausgereifte, auf Schüler und Technik ausgerichtete pädagogische Konzepte sind hier mehr denn je gefragt. Neue Unterrichtsansätze, wie beispielsweise forschendes und recherchierendes Lernen, können mit den neuen Technologien besonders gut umgesetzt werden. Statt nur zuzuhören und Fragen zu beantworten, arbeiten Schüler allein oder in kleinen Gruppen an eigenen Forschungs- und Gestaltungsprojekten. Das erarbeitete Wissen wird in so genannten Wikis dokumentiert. Schüler erstellen Datenbanken und können zu Hause genau dort weitermachen, wo sie im Unterricht aufgehört haben. Aber dies kann dann nur durch Lehrerteams realisiert werden, die das Lehrkonzept auf den „digitalen Stand“ bringen und eine entsprechende, zielorientierte Pädagogik erarbeiten. Letzten Endes gilt: Laptops und Tablet-PCs allein bewirken überhaupt nichts. Wichtig ist, wie die Lehrer damit arbeiten. Wie lässt sich das iPad also effizient und sinnvoll im Unterricht nutzen? Ein gutes Beispiel ist hierbei sicherlich das Filmen. „Schüler sollten lernen, zu filmen und ein Interview zu machen, das sollte jeder beherrschen in dieser Medienwelt. Die Jugendlichen organisieren Termine, etwa mit Lokalpolitikern oder Verwaltungsbeamten zu den unterschiedlichsten Themen und recherchieren davor selbst dazu. Wenn man lernt, wie man recherchiert, kann man Nachrichten auch besser beurteilen, sich eine eigene Meinung bilden und auch entsprechend argumentieren. Ausgehend vom Medium iPad und Filmaufnahme werden somit quasi fächerübergreifend allerlei Aspekte mit abgedeckt. Und gerade diese Abwechslung bietet die Motivation und somit auch den schulischen Mehrwert. Man merkt erst gar nicht, dass man lernt!“, so der Tenor am Hermann-Joseph-Kolleg in Steinfeld. Aber auch in anderen Fachbereichen wie Naturkunde hilft das iPad das Lernen attraktiver und somit auch nachhaltiger zu gestalten.
Somit scheint die Digitalisierung des Unterrichts und des Klassenraums nicht mehr aufzuhalten zu sein. Benötigt werden gut ausgebildete und für die moderne Technik affine Lehrkräfte, die mit der eigenen Begeisterung für dieses neue Medium auch die Schüler zu begeistern wissen. Nur so kann diese neue, spannende Etappe in der Menschheitsgeschichte auch klappen. Voraussetzung ist allerdings wiederum ein gehöriges Maß an Selbstdisziplin, Interesse an Neuem, Offenheit und Kompromissbereitschaft.

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