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Mehr als nur ein kleiner Fisch im Haifischbecken

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Fairphone setzt auf „Fairness“, Nachhaltigkeit und Transparenz

„Fairtrade“ ist in aller Munde. Doch wie sieht es auf dem Technologiesektor aus? „Seltene Erden“, die für die Produktion von Smartphones und Handys benötigt werden, werden unter oft skandalösen Bedingungen in Afrika im Raubbau abgebaut. Die Beschäftigten, darunter eine Mehrzahl Kinder, erhalten für die Schinderei im Tageabbau minimalste Entlohnung, während die Handyriesen fette Gewinne generieren. Auch die bewusste Vernichtung von seltenen Rohstoffen wird durch eine grassierende Massenproduktion befördert. Von Recycling, Upgrading oder sogar Reparatur keine Spur! Muss das denn sein? Muss man jedes Mal nach einem halben Jahr sein funktionstüchtiges Handy gegen eine neueres austauschen? Dieses Phänomen war auch dem niederländischen Start-up „Fairphone“ ein Dorn im Auge, als man damit begann, ein „Komponenten-Handy“ zu kreieren, bei dem der Nutzer selbst problemlos alle Reparaturen vornehmen kann.

Picolo möchte diese Idee, die nunmehr seit mehr als drei Jahren perfekt funktioniert und eine große Fangemeinde kennt, genauer unter die Lupe nehmen.

 

Nachhaltigkeit leicht gemacht

Eigentlich liegt das Prinzip des Start-ups klar auf der Hand und ist selbst für den größten Skeptiker einleuchtend: das Fairphone möchte den Handymarkt nachhaltig revolutionieren und setzt sich für gerechte Löhne für die Hersteller in China, sowie für eine lange Lebensdauer der Geräte durch einfaches Reparieren ein. Es liegt klar auf der Hand, dass diese Philosophie den Konzernen wie Apple, Samsung, Motorola, Huawei und Co. schwer auf dem Magen liegt, geht doch hier der Trend eher in Richtung Gewinnmaximierung der Aktionäre. Bereits der Kauf eines Fairphones gestaltet sich zu einer Gewissensfrage: während man andere Mobilgeräte in Fachgeschäften oder gar Discountern als Massenware sofort kaufen kann, kann das Fairphone nur über die firmeneigene Homepage „vorbestellt“ werden. Die Lieferzeiten liegen bei ca. drei Monaten. Das ist sicher nicht jedermanns Sache in einer auf schnellen, auf Konsum getrimmten Gesellschaft. Auch in anderen Punkten erweist sich das Fairphone eigenwillig, wenngleich es optisch wie ein Smartphone daherkommt, mit Wischdisplay, den gängigen Apps, angetrieben vom Androidsystem. Doch im Innern steckte eine spezielle Philosophie, denn die Erfinder versuchen in erster Linie die Elektronikindustrie wachzurütteln. Im Gegensatz zu namhaften Herstellern und Global Playern verzichtet man auf das Ausbeuten von chinesischen Arbeitskräften. Auch wertschätzt die Firma die benötigten Bodenschätze und Mineralien wie Wolfram, Tantal, Zinn und Gold, die auf dem Weltmarkt heiß begehrt sind und oft zu blutigen Konflikten und Kriegen meist auf dem afrikanischen Kontinent führen.

Achtsamkeit

Das Fairphone wird zwar ebenfalls in China produziert, jedoch von Menschen mit vernünftigen Arbeitsbedingungen und angemessener Entlohnung. Die Rohmaterialien kommen ebenfalls aus Afrika, doch stammen diese nicht aus Konfliktregionen. „100 Prozent fair ist aber auch unser Fairphone nicht. Ein solches Gerät wäre eine Utopie.“ erklären die Produzenten selbstkritisch. Seit vier Jahren ist das Fairphone auf dem Markt. Der Erstversion mit vielen technischen Schwierigkeiten folgte Anfang 2016 das verbesserte Fairphone 2. Von beiden Modellen wurden bisher 130000 Stück verkauft. Winzig im Vergleich zu den 130 Millionen verkaufter Geräte pro Quartal von Samsung und Apple. Daher ist das Fairphone trotz seiner hohen moralischen Ansprüche mit 0,1%-Marktanteil ein absolutes Nischenprodukt. Bei Technik-Tests fällt das Urteil zwiespältig aus. Die Idee wird gelobt, die Technik aber kritisiert, wobei die geringe Akkuleistung sowie die mäßige Fotoqualität von Testern moniert wird. Dem Fairphone-Fan geht es aber vorrangig um Nachhaltigkeit und bewusstes Einkaufen. Interessant sicherlich auch die Tatsache, dass alle Ersatzteile im modularen System bestellbar und selbst von handwerklich wenig begabten Menschen ausgetauscht werden können. Bei welchem anderen Handy kann man schon selbst ein komplettes Display nach einem Bruch ersetzen? Telefonieren, WhatsApp-Nachrichten, Internet — wer sein Handy nicht für viel mehr benötigt, dem leistet das Fairphone sehr gute Dienste. Das Fairphone 2 kostet 520 €. Dafür bekommt der Nutzer ein komplett selbst entwickeltes Gerät, das auf jedwede Lizenz von Fremdanbietern verzichtet und somit auch den „Fairtrade“-Gedanken trägt. So werden jährlich für die Produktion von Smartphones 180 Tonnen Gold benötigt. Mehr als 50 Materialien werden zudem in Handys verwendet, darunter auch Wolfram, Zinn und Tantal. Für diese Rohstoffe ist es Fairphone jedenfalls gelungen, eine faire Produktionskette aufzubauen. Es ist wünschenswert, wenn sich diese Idee der Nachhaltigkeit in Zeiten der „geplanten Obsoleszenz“ durchsetzen könnte. Der „Blaue Planet“ wird danken!

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