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Analoge Renaissance

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Vinyl-Platten sind derzeit der Musikrenner

Es mag merkwürdig klingen, aber viele Musikliebhaber verdammen digitale Musik und Aufnahmeformen aufs Schärfste und haben die gute alte Schallplatte für sich wiederentdeckt.  Das würde dem Erfinder des Grammophons, dem Vorläufer des Plattenspielers, Emil Berliner, sicherlich gefallen, war doch in den 1990er Jahren mit der Einführung von CD und später von Audioaufnahmen im MP3-Format bereits vom endgültigen Abgesang der Vinylschallplatte die Rede.  Wie kommt es eigentlich zu der überraschenden Renaissance mit Wachstumszahlen von über 40% im vergangenen Jahr?  Picolo ging der Faszination der „Schwarzen Scheibe“ nach und stieß hierbei vor allem auf Soundpuristen der Extraklasse.

Als die Compact Disc 1982 auf den Markt kam, verdrängten die Silberlinge immer schneller die Vinyl-LPs. 1984 wurden in Deutschland im Vergleich zu 3 Millionen CD’s insgesamt mehr als 71 Millionen Langspielplatten verkauft.  Dies änderte sich schlagartig, sodass der CD-Absatz 2001 mit 133 Millionen Exemplaren beziffert wurde, während die „Schwarzen Scheiben“ nur noch 600000 Mal über den Ladentisch der Musikhändler gingen.  Die Langspielplatte wurde somit ein Fall für Liebhaber, für Sammler, Klangästheten und Freaks, sodass selbst die eine oder andere Sammlung aufgelöst wurde. Secondhand-Läden und Flohmärkte wurden zu Anlaufstellen der Freaks.

Digital oder analog ist für Musikliebhaber noch immer eine absolute Glaubensfrage. 

LP-Käufer gelten als die wahren Musikfreunde, die sich Zeit und Muße geben, um Musik zu hören.  Das Hören einer Schallplatte ist mit einem Ritual zu vergleichen, bei dem jeder Schritt von enormer Wichtigkeit und auch Nachhaltigkeit ist.  Die Physis, die Haptik und Sinnlichkeit des Vinyls reizen daher nicht nur die Ü50-Generation, nein: auch die Jungen – und damit auch die Interpreten – haben sie für sich entdeckt.  Es ist also nicht verwunderlich, dass in Zeiten von Download und Streaming die Vinyl-Charts von den Plattenlabels ins Leben gerufen wurden.  Zu den Topsellern 2016 gehörten hierbei David Bowie und Udo Lindenberg.  Die Industrie hat das „Schwarze Gold“ ebenfalls neu für sich entdeckt und presst Klassiker von Bob Dylan, Billy Joel, Depeche Mode und Pearl Jam erneut auf 180-Gramm-Vinyle.

Soundpuristen bemängeln vor allem die Datenreduktion von Digitalaufnahmen.

Das Hören vermittelt keine Wärme, kein Gefühl.  Die Fans von „High Fidelity“ kommen derweil in den Genuss von naturgetreuen Wiedergaben mit Feinheiten, Nebengeräuschen, wärmerer Sound- und Frequenzrange. Digital wird als „oberflächliches Hören“, während das Anhören einer Schallplatte Initiative erfordert: Schallplatte aus der künstlerisch gestalteten Hülle nehmen, auf den Schallplattenteller legen und vorsichtig die Nadel auf die Anfangsposition herunterlassen.  „Das sind Momente, für die es sich lohnt, altmodisch zu sein!“, so die Aussage.  Abschalten mit Musik werde erst durch eine LP möglich: Beim Auflegen geht es um Ruhe und Muße, Werke ganzheitlich anzuhören und das Musikhören zu zelebrieren – vom hochwertigen Sound bis hin zum kunstvoll gestalteten Cover.  Neben der Renaissance der Vinyl-Scheiben haben auch Elektronikhersteller diese Marktnische neu für sich entdeckt.  Pioneer, Technics, Sony, Dual, Akai, aber auch Premiummarken wie Bose, B&O und Marantz haben neue Geräte auf den Markt gebracht.  Der wichtigste Grund für diesen Systemwechsel ist zweifelsohne die Haptik: Der Mensch hat eben gerne etwas Festes, etwas Konkretes in der Hand!